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Chronik

1848 schossen Verfassungs- und Piusvereine wie Pilze aus dem Boden. Eine relativ liberale Presse brachte den anspruchsvollen Begriff „Verfassung“ wirkungsvoll unter die Menge. So nannte sich unser Bauernverein die ersten Jahre auch Verfassungs- anstatt, wie bald darauf, Bauernverein. Nach mehr als tausendjähriger Unterdrückung und Ausbeutung wurde der Bauernstand bei uns politisch ernst genommen. 1848 wurden als obrigkeitsrechtliche Reform Verfassungsrechte von großer Tragweite vor allem für die Landbevölkerung festgeschrieben: die grundherrliche Gerichtsbarkeit und die Polizeigewalt wurden Staatsaufgaben. Dienstleistungen und persönliche Abgaben an den Grundherren (Scharwerke) wurden entschädigungslos beseitigt, das bäuerliche Nutzungsrecht an Grund und Boden ersatzlos in Eigentum verwandelt. Das grundherrliche Jagdrecht auf bäuerlichem Boden, ein jahrhundertealter, öffentlicher Misstand, aufgehoben. Aus dem fast rechtlosen ländlichen Untertanen war plötzlich ein Bürger geworden.  Der fortschrittsgläubige König kreierte ein Ministerium  „der Morgenröte“. „Verfassung“ implizierte die Vorstellung von Bürgerrechten in einer neuen, konstitutionellen Monarchie. Zu den ersten Gehversuchen im ländlichen Vereinsleben Oberaichbachs gehörte erstaunlicherweise eine beachtliche Vergrößerung der Mitgliederzahlen.

Schriftstück1876
Schriftstück des Landwirtschaftlichen Bezirkskomitees vom 10. Mai 1876

1849 wurde der Bauernverein Oberaichbach gegründet, somit ist der Bauernverein der älteste Verein der Gemeinde Niederaichbach. (Oberaichbach ist ein Gemeindeteil Niederaichbachs). Die Menschen haben sich damals zusammengeschlossen, um sich gegenseitig in verschiedensten Nöten beizustehen. Bauernvereine stehen für Solidarität und Selbsthilfe. Ob Verfassungs- oder Bauernverein, es waren immer die gleichen Mitglieder: von Dingolfing bis Landshut und aus dem Vilstal kamen sie. Ein politisches Versammlungsbedürfnis drückte sich hier offensichtlich aus. Das bäuerliche Leben war hart, die Einkommen sehr gering, die Aichbacher Armenlisten dieser Zeit sind ein erbärmliches Dokument. Das erste Vereinsregister des Bauernvereins Oberaichbach stammt aus dem Jahre 1879.

Aufnahme30erJahre
Aufnahme von Mitgliedern des Bauernvereins Oberaichbach mit Pfarrer Daffner, Anfang der 30iger Jahre. Pfarrer Daffner war ein Gegner Hitlers und gestaltete auch jede seine Predigten dementsprechend. Da er jedoch von niemanden denunziert wurde, konnte er weiterhin als Pfarrer in Oberaichbach tätig sein.
vorne: Pfarrer Daffner aus Oberaichbach und H. Meier aus Paring
hintere Reihe: Meier aus Zeilbach, Werkmann aus Grub, ?, Biberger Wendelin aus Reichersdorf,?, Oberhofer aus Gadham, ?, ?, Dettenkofer aus Beutelhausen, Still aus Ruhmannsdorf (damaliger Bürgermeister), Niedermaier Ruppert, Still Georg aus Wimm
Foto: Fam. Biberger

Die Kriegs- und Nachkriegsereignisse des ersten Weltkrieges hatten auch im Dorf Oberaichbach tiefe Wunden hinterlassen. König und Kaiser verschwanden mit ihrem Anhang aus der politischen Landschaft, ein Chaos hinterlassend. Wirtschaftlicher Niedergang und hohe Reparationen brachten ein Klima schärfster Aggressionen. Gewaltbereite, uniformierte und bewaffnete Gruppen von rechts und links bedrohten die öffentliche Ordnung. Bayern wurde für kurze Zeit eine Räterepublik nach Sowjetmuster, die Radikalisierung nahm bedenklich zu. In einem Schreiben vom Bezirksamt Landshut vom 05.05.1919 rief man zur allgemeinen Bewaffnung auf. Es kam zur Verteilung von Gewehren, Maschinengewehren und Handgranaten. Das Ende der Inflation 1922 brachte zwar eine neue Reichsmark, aber auch für manche Landwirte den „Gant“ oder die Versteigerung ihres Besitzes.

Aufnahme1945
Aufnahme von 1945. Kerscher Josef von Stocka und ein exgefangener Franzose retteten gleich nach Kriegsende 1945 die Oberaichbacher Vereinsfahne vor der Beschlagnahme.
Vorne sitzend: Aimer, Klaus, Still, Bürgermeister, Löb, Pettinger,
Stehend: Schönauer, Kargl, Marchner, Kerscher, Niedermeier, Peisl, Deinböck

Sorge für die Umwelt, Pflege des Brauchtums und Wahrung der Tradition könnte man auf das Banner des Bauernvereins Oberaichbach schreiben. So sorgten unsere Landwirte schon seit jeher für die Umwelt, indem Sie die Felder und Fluren im Einklang mit der Natur bestellen und bewirtschaften. Sie pflegen das Brauchtum mit ihren Festen und wahren die Traditionen mit dem Erhalt und der Weiterführung des bäuerlichen Kulturgutes.

Vereinsfahne1885Vereinsfahne von 1885

 Der heilige St. Isidor ist Schutzpatron der Landwirtschaft. Die unten dargestellte Figur stammt aus der Kirche Oberaichbach und ziert die linke Altarseite.

Der Heilige Isidor wurde um 1070 geboren und war Bauer in Madrid. Mit seiner Gattin erfüllte er pflichtgetreu seine Arbeit. Im Gebet fand er Trost und Hilfe in der Not. Für Hilfsbedürftige hatte er allezeit eine offene Hand. Isidor starb am 15. Mai 1130.

Patron

Damit der bäuerliche Berufsstand die Herausforderungen der Zukunft bewältigen kann, müssen die Bauern zusammenhalten. Dies gilt für die gegenseitige Hilfe im Betrieb, aber auch im Kampf für die Durchsetzung der Interessen der bäuerlichen Landwirtschaft gegenüber der Politik und die Darstellung der Leistungen und Anliegen der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit.

Bilder und Zusammenstellung: Bernhard Seimel

Text und Fotos aus der Festschrift des Bauernvereins
© Hans Stippel 1999